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Stedesdorfer Autor erhält den 2. Preis beim renommierten Mannheimer Literaturpreis

90 Autoren mit über 250 Texten bewarben sich für den 33. Mannheimer Literaturpreis, 2014 für die Sparte Lyrik ausgeschrieben. Ursprünglich mit 10.000 € für die drei Preisträger dotiert, mussten die Veranstalter, das Literarische Zentrum Rhein-Neckar, nach der Trennung von der Heinrich-Vetter-Stiftung die Preisgelder deutlich senken. Dennoch, so Koordinator Hanno Roether-Stuck, erfreue sich der Preis weiterhin einer hohen Wertschätzung, was aus der erneut gewachsenen Anzahl der Bewerber zu sehen sei. Etwa ein Drittel der Einsendungen kamen aus Mannheim, der weitaus größere Teil aus den umliegenden Metropolregionen. Hüttenberger, stellv. Vorsitzender des AK Ostfriesischer Autoren und Mitglied im Darmstädter Zentrum für Junge Literatur, beteiligte sich mit seinem Gedicht „sommernacht“ und wurde von der Jury unter Vorsitz von Michael Braun, Literaturkritiker, Feuilletonist und Herausgeber des Deutschlandfunk-Lyrik-Kalenders, mit dem 2. Preis ausgezeichnet.

Bei der Preisverleihung am 15.11. im Mannheimer Theater TiG7 stellte Jury-Mitglied Renate Willig-Wagner Hüttenbergers Gedicht in die Tradition Joseph von Eichendorffs. „Jedoch ist Hüttenbergers Gedicht ein zeitgenössischer Text. Wir finden Elemente romantischer Naturpoesie, aber auch moderne Bilder, beides steht unvermittelt nebeneinander: ein flieger grollt quer über den see ein / paar sterne über den schwarzen bäumen. Natur ist eben kein durchgehend idyllisches Element mehr.“ Blieb das lyrische Subjekt bei Eichendorff einsam, so fänden bei Hüttenberger zwei Menschen zueinander, sie finden das glück, durch dieses eine Wort in der letzte Zeile des Gedichts besonders hervorgehoben.

„Augenzwinkernd verweist Hüttenberger darauf, dass dieses Glück großzügig, wenn auch ungewollt, geteilt wird: in dieser lauen sommernacht besaufen sich die schnaken an unserem glück. Ein versöhnlicher Abschluss, der beim Leser ein Gefühl von Heiterkeit, Gelöstheit, vielleicht auch Glück zurück lässt“, schloss die Laudatorin.

Den 1. Preis erhielt Ute Dietl, die mit Hüttenberger gemeinsam in der Darmstädter Textwerkstatt arbeitet, für ihr Gedicht „wie nichts“, der 3. Preis ging an Kristin Wolz aus Ladenburg für „glücksfälle: märchenhaft“ (im Bild von links).

Verbunden mit dem Preis ist eine Lesung der Preisträger am 17. März 2015 im Mannheimer Schillerhaus. Die nächste Lesung Hüttenbergers in der hiesigen Region findet am 19. Februar 2015 in Stedesdorf (Aula der Grundschule, gemeinsam mit Alwine Menzel) statt.

 

sommernacht

am   ufer  dein   fahrrad   an  den
baum   gelehnt    ein  schwaches
nachleuchten   markiert   die  ein
stiegsstelle   schnelle  schwimm
züge   aufeinander   zu  und  um
armen   küssen  festhalten  ganz
fest   wasser   treten ein    flieger
grollt    quer  über  den  see  ein
paar sterne über den schwarzen
bäumen  schwimmen   ans  ufer
deine      beine     wie     schling
pflanzen     unter    den     füßen
weicht   der  boden   leise wellen
erregen die  aufmerksamkeit der
frösche  lautstarke proteste  weil
wir  verbotene   früchte  naschen
zwischen  den  handtüchern   in
dieser    lauen   nacht  besaufen
sich  die  schnaken an  unserem
glück

 

Laudatio auf "sommernacht"

von Jury-Mitglied Renate Willig-Wagner

„Sommernacht“, bereits der Titel des Gedichts weckt Assoziationen, Erinnerungen in uns. Das Erleben eines lauen Sommerabends, einer prächtigen Sommernacht ist sicher einem jeden präsent.
Beim ersten Lesen des Gedichts von Dr. Michael Hüttenberger fiel mir ein Gedicht Joseph von Eichendorffs ein, in dem ebenfalls eine Sommernacht eindrücklich, alle Sinne ansprechend, beschrieben wird. Das Gedicht heißt „Sehnsucht“ und wurde im Jahre 1834 von dem der Romantik zuzuordnenden Schriftsteller veröffentlicht.
In Eichendorffs Gedicht und in dem lyrischen Text von Michael Hüttenberger finden sich ähnliche Motive: die Sterne, der Kosmos, die Natur, das Wasser, die Liebe. Und auch die Nacht, der in der Romantik eine große Bedeutung beigemessen wird, ist sie doch die Zeit der Entgrenzuung und der Gefährdung des Menschen.
Michael Hüttenbergers Gedicht ist ein moderner, ein zeitgenössischer Text. Wir finden Elemente romantischer Naturpoesie, aber auch moderne Bilder: ein flieger grollt quer über den see ein / paar sterne über den schwarzen bäumen  - beides steht unvermittelt nebeneinander. Natur ist eben kein durchgehend idyllisches Element mehr.
Hüttenbergers Gedicht ist nicht abstrakt, der „Glücksfall“ – so hieß das Thema des Wettbewerbs – wird konkret beschrieben. Szenische Bilder reihen sich aneinander, von der Ankunft eines  lyrischen Ichs am See, dem Aufeinander-zu-Schwimmen, den stakkatoartig aufgezählten gemeinsamen Handlungen und umarmen, küssen, festhalten, ganz fest wassertreten, ans ufer schwimmen – sie steigern sich zu einem Höhepunkt, in dem das Ich und das Du sich auflösen in ein gemeinsames „Wir“: weil wir verbotene Früchte naschen zwischen den Handtüchern.
Bleibt das lyrische Subjekt bei Eichendorff einsam und das Erleben spielt sich allein in seiner Phantasie ab, so finden bei Hüttenberger in einer Sommernacht für einen Moment zwei Menschen zueinander, sie finden das glück, durch dieses eine Wort in der letzten Zeile des Gedichts besonders hervorgehoben.
Augenzwinkernd verweist Hüttenberger am Ende seines Gedichts darauf, dass das gefundene Glück großzügig, wenn auch ungewollt, geteilt wird: in dieser lauen sommernacht besaufen sich die schnaken an unserem glück. Ein versöhnlicher Abschluss, der nach der Lektüre des Gedichts beim Leser ein Gefühl von Heiterkeit, Gelöstheit, vielleicht auch Glück zurücklässt.
Wir gratulieren Herrn Dr. Hüttenberger zu seinem Gedicht sommernacht und zum zweiten Preis des Mannheimer Literaturwettbewerbs der „Räuber 77“.